| Leseprobe
aus „Weniger ist mehr“
„Jetzt kommt der Schneider Meck und nimmt
dir deinen Speck“, sang er mit kräftiger Stimme, während
er die Naht gekonnt festzog. Er lachte laut auf und wischte sich
den Schweiß aus der Stirn. Die blutigen Striemen, die diese
Geste in seinem Gesicht hinterließen, störten ihn nicht.
Im Gegenteil. Er trug sie wie Trophäen, die seine Genialität
sichtbar machten. Und gerne hätte er sie der ganzen Welt gezeigt.
„Fertig, meine Schöne!“, sagte er zu der jungen
Frau, die vor ihm auf der Liege lag. Sie antwortete ihm nicht. Das
konnte sie schon seit Tagen nicht mehr. Bevor er sein Werk begonnen
hatte, musste er sie betäuben. Leider. Sie hatte seinem Werk
nicht zugestimmt. Da hatte er sie sich gefügig gemacht.
“Schade nur, dass du es nun nicht mehr sehen kannst, meine
Liebe. So wundervoll wie jetzt hast du im Leben nie ausgesehen!“
Er strich ihr behutsam die Haare aus der glatten Stirn. In einer
Woche würde er sie an ihren Bestimmungsort bringen und erneut
eine Spritze ansetzen. Dieses Mal mit dem tödlichen Gift. „Aber
vielleicht gibt es ja ein Leben nach dem Tod. Dann kannst du dich
vor Bewunderern sicher nicht mehr retten.“
Sorgfältig legte er seine Instrumente fort, zog sich die Hygienehandschuhe
aus und wusch sich, weiter sein Lied summend, die Hände und
– so leid es ihm tat – auch sein Gesicht. Schon einmal
hatte er der Menschheit zeigen wollen, wie wahre Perfektion zu erreichen
war. Aber man hatte ihn nicht gehört. Und auch jetzt war er
noch nicht so weit, dass er sich anderen zu erkennen geben wollte.
Er zog den Kittel aus, den er einfach in einen Beutel stopfte. Der
musste sowieso in die Reinigung. Dann räumte er die restlichen
Geräte in seinen Arztkoffer, überprüfte noch einmal
die Beatmungsmaschine und den Tropf, zog seinen Mantel an und ging.
Die Frau auf der mobilen Bahre ließ er zurück. Sie merkte
nicht mehr, dass sie alleine war. Ebenso wenig, wie die Tatsache,
dass sie nun wirklich schön war.
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